DGS-Kongress 2027

Signs in Motion: Semiotic Perspectives on Migration

Obwohl Migration als „zivilisatorischer Normalfall“ (Bade und Oltmer 2004) gelten kann und der Begriff
„Migration“ seit dem Ende des 16. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum belegt ist, spielte er noch in den
1970er Jahren im öffentlichen wie im wissenschaftlichen Diskurs kaum eine Rolle. Dies änderte sich in den
folgenden zwanzig Jahren grundlegend. Als einer der sichtbarsten Bestandteile der Globalisierung wurde
„Migration“, wie Espahangizi (2023, 210) schreibt, zu einem „schillernden öffentlichen Streitobjekt“, „um
das sich Migrationsgesellschaften drehen und über das sie sich ein Stück weit auch konstituieren.“
Migration – mitunter alltäglich und oftmals unauffällig, teilweise gewollt und häufig ungewollt – wurde zu
einem Dauerthema, das heute in der Öffentlichkeit vielfach im „Modus des Spektakulären und
Kontroversen“ diskutiert wird (Bartels u. a. 2023, 7).


Migration verändert geografische, soziale, kulturelle und religiöse Räume in den Herkunfts- und
Zielregionen und gestaltet Beziehungen bis in die Familien hinein neu – auch unter intensiver Nutzung
digitaler Technologien. Sie kann als Innovationsmotor gelten. Denn mit Menschen migrieren Ideen und
Vorstellungen , die das Wissen und auch die Alltagskultur einer Gesellschaft, etwa kulinarische Traditionen,
musikalische Vorlieben oder vestimentäre Gepflogenheiten, grundlegend transformieren. Migration schafft
neue Formen und Möglichkeiten des Austauschs und der Erfahrung, der Kommunikation und Interaktion
auf gesellschaftlicher, zwischenmenschlicher und individueller Ebene und setzt zugleich eine Vielzahl
sozialer, kultureller, politischer und ästhetischer Aushandlungsprozesse um Identität, Teilhabe und
Abgrenzung in Gang.


Migration ist ein initial semiotisches Phänomen, das sich mithilfe unterschiedlicher semiotischer Verfahren
und Ansätze genauer analysieren lässt (Cobarrubias 2025; Krzyżanowski und Ekström 2025; Pelsmaekers
und Van Hout 2020; Panjwani 2024): Schon der Begriff „Migration“ ist ein semiotisches Konstrukt, das die
kategoriale Unterscheidung zwischen einem Wir und einem Anderen vor- sowie Herkunfts- und
Zielregionen als solche relevant setzt (Yildiz 2014). Migration und Mobilitäten werden zudem erst dann
signifikant, wenn Grenzen überschritten werden – Grenzen von „imagined communities“ (Anderson 1990),
nicht nur nationaler, sondern auch ethnischer oder sprachlicher Art. In solchen politischen, kulturellen,
juristischen, ökonomischen, sozialen und letztlich ideologischen Räumen werden Zugang und Zugehörigkeit
oftmals nur in und durch vielfältige semiotische, häufig multimodale und mediatisierte, heute digitalisierte
Prozesse der Selbst- und Fremdkategorisierung auf Makro-, Meso- und Mikroebenen hergestellt.

Gleichzeitig werden durch Migration bestehende Ordnungen in diesen Räumen infrage gestellt und auf
grundlegende Weise verändert. Die verwendeten Zeicheninventare und -praktiken vervielfältigen sich; die
semiotischen Landschaften in Städten und Dörfern, in Bildungsinstitutionen ebenso wie in Verwaltung und
Betrieben werden komplexer, überkommene Vorstellungen binären Kategorisierens werden ausgehebelt
und neue Formen der Zugehörigkeit notwendig. Migration stellt damit durch das vervielfältigte Angebot an
Zeichen althergebrachte Identitäten in Frage, evoziert neue Möglichkeiten der Identitätskonstruktion und
fördert ebenso neue Konfliktlinien, Diskurse und Aushandlungsformen – Migration wird zu einem
politisierten Gegenstand.

Die Tagung widmet sich dem Phänomen „Migration“ aus semiotisch fundierter, interdisziplinärer
Perspektive. Eingeladen werden Beiträge, die Migration als semiotisch relevantes gesellschaftliches,
politisches und kulturelles Phänomen analysieren und mit theoretischen wie methodischen Ansätzen der
Semiotik arbeiten.

Mögliche Themenbereiche sind:

  • Topographien der Migration aus semiotischer Perspektive
    Räumliche und symbolische Dimensionen von Mobilität, Grenzziehungen und Raumproduktion
  • Positionierung, Identität und Migration
    Semiotische Prozesse der Selbst‑ und Fremdkategorisierung, Zugehörigkeit, Differenz und stance taking
  • Migration, Medien und Repräsentation
    Multimodale Darstellungen in Medien, Kunst und öffentlichem Diskurs
  • Sprache, Kultur und Migration
    Mehrsprachigkeit, neue sprachliche Praktiken sowie kooperative und konfliktäre Sprachgebrauchsformen
  • Bildung und Vielfalt
    Migration, sprachliche und kulturelle Diversität in Bildungsräumen
  • Religion und Transformation
    Religiöse Zeichenpraktiken und ihre Veränderungen im Migrationskontext
  • Transformation von Beziehungen in und durch Migration
    Semiotische Dynamiken in sozialen und familiären Netzwerken
  • Migration, Ästhetik und Semiotik
    Gestaltung, Wahrnehmung und symbolische Formen von Migration
  • Wirtschaft, Märkte und Migration
    Migration, Globalisierung und Internationalisierung: neue Zielgruppen, Produkte, Marken und Marktlogiken
  • Wissenschaftstheorie, Migration und Semiotik
    Epistemologische Perspektiven und theoretische Rahmungen
  • Körper, Geste, Migration
    Verkörperte Zeichenpraktiken und körperliche Ausdrucksformen im Kontext von Migration
  • Postmigrantische Perspektiven und Semiotik
    Zeichenprozesse aus postmigrantischer Perspektive
  • Flucht, Diaspora und Liminalität.
    Zeichen- und Medienpraktiken der Überbrückung

 

Literatur


Anderson, Benedict R. O’G. 1990. Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of
Nationalism. 6th impr. Verso.

Bade, Klaus J., und Jochen Oltmer. 2004. Normalfall Migration. Bundeszentrale für Politische Bildung.
Zeitbilder 15. Bundeszentrale für Politische Bildung.

Bartels, Inken, Isabella Löhr, Christiane Reinecke, Philipp Schäfer, und Laura Stielike. 2023. „Umkämpfte
Begriffe: Reflexive Perspektiven auf Migration und Sprache“. In Umkämpfte Begriffe der Migration: Ein
Inventar, 1. Aufl., herausgegeben von Inken Bartels, Isabella Löhr, Christiane Reinecke, Philipp Schäfer, und
Laura Stielike. Kultur und soziale Praxis. Transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839457122.

Cobarrubias, Sebastian. 2025. „The Moral Geographies of Migration Maps: Spatial Order as a Normative
Basis for Border Control“. Journal of Ethnic and Migration Studies 51 (10): 2566–92.
https://doi.org/10.1080/1369183X.2025.2461348.

Espahangizi, Kijan. 2023. „Migration“. In Umkämpfte Begriffe der Migration: Ein Inventar, 1. Aufl.,
herausgegeben von Inken Bartels, Isabella Löhr, Christiane Reinecke, Philipp Schäfer, und Laura Stielike.
Kultur und soziale Praxis. Transcript Verlag. https://doi.org/10.14361/9783839457122.

Krzyżanowski, Michał, und Hugo Ekström. 2025. „“No Longer the Haven of Tolerance”? The Press and
Discursive Shifts on Immigration in Sweden 2010–2022“. Social Semiotics 35 (3): 472–94.
https://doi.org/10.1080/10350330.2024.2352656.
Panjwani, Imranali. 2024. „The Importance of Incorporating Religious, Cultural and Linguistic Evidence in UK
Immigration Procedures: An Analysis of the Semiotic Codes of Asylum Seekers“. International Journal for
the Semiotics of Law - Revue Internationale de Sémiotique Juridique 37 (4): 1351–68.
https://doi.org/10.1007/s11196-023-10101-3.

Pelsmaekers, Katja, und Tom Van Hout. 2020. „People on the Move: How Museums de-Marginalize
Migration“. Social Semiotics 30 (4): 607–24. https://doi.org/10.1080/10350330.2020.1766214.

Yildiz, Erol. 2014. „Postmigrantische Perspektiven: Aufbruch in eine neue Geschichtlichkeit“. In Nach der
Migration, herausgegeben von Erol Yildiz und Marc Hill. Transcript Verlag.
https://doi.org/10.1515/transcript.9783839425046.19

 

print to the top