Gendersemiotik

Die Sektion Gendersemiotik will die bisher in der Semiotik marginalisierte Untersuchung von Geschlechterordnungen in multimodaler Kommunikation sichtbar machen und semiotische Forschungsarbeiten zur Gender-Thematik bündeln. Einen wichtigen Ausgangspunkt der Gendersemiotik bildet dabei die feministische Neuinterpretation der Arbitrarität von Zeichen, wobei die binären Geschlechterkategorien  "Frau" und "Mann" und ihre Distinktion als semiotische und soziale Kategorien hinterfragt werden. Zu diesem Zweck wendet die Sektion Methoden und Fragestellungen der (Sozio-) und Genderlinguistik sowie der (visuellen) Semiotik aus einer feministischen und machtkritischen Perspektive an. Thematisch stehen dabei aktuell in erster Linie Reflexionen zum Verhältnis von Islam und Gender, Emanzipationsbewegungen im Bereich LGBT und Queer-Studies im Fokus, um die soziosemiotischen Zusammenhänge zwischen (gesellschafts-)politischer Emanzipationsarbeit einerseits und patriarchalischen Strukturen andererseits zu untersuchen. Im Bereich Islam und Gender werden u.a. Inhalts- und Ausdrucksebenen von islamischer Religiosität wie etwa das Bedeutungssystem des muslimischen Kopftuchs und Ganzkörperbedeckungen bei den Trägerinnen, religiöses Sprechen, religiöse Mehrsprachigkeit, religiöse Symbole und religiöse, weltanschauliche und politische Ausdrucksformen bei Glaubensanhänger*innen einer Glaubensrichtung in einer (Mehrheits-)Gesellschaft ebenso untersucht wie sich wechselseitig beeinflussende, genderspezifische, sub- und musikkulturelle und mediale Diskurse.

Ein weiterer wichtiger Teilbereich der Genderlinguistik ist der Bereich der Feministischen Linguistik, die sich mit der Ungleichheit der Geschlechter im Sprachsystem und der Sprachverwendung, sowie der sprachkritischen Betrachtung des kommunikativen Sprachverhaltens von Menschen in der Gesprächsanalyse beschäftigt. Dabei spielen auch die Betrachtungen sprachlicher und bildlicher Ausdrucksformen und Diskurse von verschiedenen Feminismen eine zentrale Rolle, die unter den Schlagwörtern "Islamischer Feminismus", "Black Feminism", "Hip Hop-Feminismus", "Netzfeminismus", "Popfeminismus" sowie der "kurdischen Frauenbewegung" zusammengefasst werden können.

Ziel der Sektion ist damit auch, all diese Ansätze in ihrer semiotischen Schnittmenge in einem eigenen Ansatz der Gendersemiotik miteinander zu verbinden. Dabei sind die Analysen visueller Zeichen aus genderspezifischen Perspektive ein wichtiger Bereich, der gendersemiotisch fundiert und etabliert werden soll. Ein Schwerpunkt ist dabei besonders die "feministische Kleidungssemiotik", welche die Stereotypisierung und Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Erscheinungsbilds untersucht und patriarchalisch geprägte Lookismus-Mechanismen aufdeckt.

Die Gendersemiotik soll mit ihren Analysegegenständen und methodischen Verfahren auf dem Fundament semiotischer Forschung schließlich im Rahmen der seit mindestens einem Jahrzehnt laufenden, verschärften, gesellschaftspolitischen Debatten zur Konstruktion von Gender in der Bundesrepublik Deutschland auch kulturideologisch und gesellschaftskritisch Stellung in diesen Debatten beziehen.

Zur Einfühung

  • Ahmed, Leila (1992): Woman and Gender in Islam: historical roots of a modern debate. New Haven: Yale University Press.
  • Eco, Umberto (1972): Einführung in die Semiotik. München: Fink.
  • Giannone, Antonella (2005a): Kleidung als Zeichen. Ihre Funktion im Alltag und ihre Rolle im Film westlicher Gesellschaften. Eine kultursemiotische Abhandlung. Berlin: Weidler.
  • Posner, Roland (1994): Der Mensch als Zeichen. In: Zeitschrift für Semiotik 16/3, S. 195 – 216.
  • Şahin, Reyhan (2014): Die Bedeutung des Kopftuchs. Eine kleidungssemiotische Untersuchung Kopftuch tragender Musliminnen in der Bundesrepublik Deutschland. Münster [u.a.]: LIT.
  • Wildgen, Wolfgang (2010): Visuelle Semiotik. Die Entfaltung des Sichtbaren. Vom Höhlenbild bis zur modernen Stadt. Bielefeld: transcript.

Zur Vertiefung

  • Elbashir, Nagwa (2003): Islamischer Feminismus: Im Spannungsfeld von Partikularismus und Universalismus. In: Frauensolidarität 83, S. 28 – 29.
  • Giannone, Antonella (2005b): Streit um Kleidung: Das Kopftuch als Zeichen im Kulturkonflikt. In: Zeitschrift für Semiotik 27 (3), S. 253-267.
  • Hornscheidt, Lann (2012): feministische w_orte. Ein lern-, denk- und handlungsbuch zu sprache und diskriminierung, gender studies und feministische linguistik. frankfurt a. m.: brandes und apsel.
  • Kristeva, Julia (1978): Sēmeiōtikē: récherches pur une sémanalyse. Paris: Éd. du Seuil.
  • Lauretis, Teresa de (1984): Alice doesn’t: Feminism, semiotics, cinema. Bloomington, Ind.: Indiana University.
  • Moors, Annelies; Tarlo, Emma (Edd.) (2013): Islamic Fashion and Anti-Fashion. New Perspectives from Europe and North America. London [u.a.]: Bloomsburg.
  • Peirce, Charles Sanders (1986): Semiotische Schriften. Band 1 – 3. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
  • Posner, Roland (1994): Der Mensch als Zeichen. In: Zeitschrift für Semiotik 16/3, S. 195 – 216.
  • Ray, Lady Bitch (2012): Bitchsm. Emanzipation, Integration, Masturbation. Stuttgart: Panini / Vagina Style / VS-Verlag.

Ihre Ansprechperson für die Sektion

Reyhan Şahin (Profil)

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